Eine Hommage an mein Leben
Jeder Mensch, der geboren wird, stirbt. Das ist unglaublich beruhigend. Anstatt uns jeden Tag mit der Frage zu belasten, wann wir sterben werden, können wir uns auch jeden Tag an der Frage erfreuen, wie wir an all den anderen Tagen leben wollen.
Karsten Dusse *1
Ich wusste nicht, wie wichtig es ist, das Hamsterrad der Unruhe, Hektik und des Gedankenkreisen zu verlassen, bis ich es tat. Heute kann ich die Stille sprechen hören und von den Vorteilen profitieren. Im Alltag. Bei der Arbeit. Im Leben. Ich habe gelernt nicht nur irgendwie zu überleben, sondern wirklich zu leben. Dieser Text ist meine Hommage an das Leben. Es ist die Geschichte meines Lebens. Die Geschichte, wie ich meine Ungeduld und Anspannung, meine Hektik und Entscheidungsunfähigkeit durch Ruhe, Entspannung, Träume und Leben erneuerte.
Vorweg: Dieser Text ist kein Ratgeber. Ich werde weder Empfehlungen noch Tipps aufzählen, die dir helfen innere Ruhe zu finden. Und ich werde auch nicht mit dem Finger auf dich zeigen und sagen: „Lass das.“ Was ich hier schreibe ist einzig und allein mein Weg die Stille sprechen hören zu können.
Das Hamsterrad
Es gab Zeiten in meinem Leben, da waren Ruhe, Stille und Müßiggang für mich eine kaum erreichbare Wirklichkeit. Mein Alltag, mit meiner wunderbaren Frau, vier großartigen Stubentigern und Vollzeitjob, Ehrenamt, Haushalt und Sport ließ mir kaum Zeit mich auszuruhen. Ich hatte zu viele Hobbies und zu viele (vermeintliche) Verpflichtungen und viel zu wenig Zeit. An manchen Tagen wollte ich so viel, dass ich am Ende des Tages feststellen musste nichts geschafft zu haben. Und das einzig aus dem Grund, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Bouldern oder schwimmen? Fitnessstudio oder spazieren? Lesen oder schreiben? Freunde treffen oder shoppen? Kochen oder bestellen? Was koche ich heute? Muss ich dafür noch einkaufen? Ich grübelte über den Sinn des Lebens, suchte Antworten in der Philosophie und Psychologie. Doch ich fand keine. Wie auch? Ich hatte schlicht und ergreifend keine Zeit mich intensiv mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Ich war gefangen im Hamsterrad des Lebens – arbeiten, kochen, essen, Termine, einkaufen, Haushalt ect. – und ich hatte keine Idee wie ich daraus kommen sollte. Und um ehrlich zu sein, habe ich auch lange geglaubt glücklich zu sein unter meiner Käseglocke. Doch dann, von einer Minute auf die andere veränderte sich mein Leben.
Abschied von der Selbstverständlichkeit
Rückblickend muss ich gestehen bis 2018 vieles in meinem Leben für selbstverständlich gehalten zu haben. Den Kaffee am Morgen und die Zigarette danach. Meine Gesundheit, meinen Arbeitsplatz. Das Dach über meinem Kopf. Meine Hobbies. Die Möglichkeit jederzeit alles konsumieren zu können: Lebensmittel, Technik, Filme und Serien. In dieser schnelllebigen Zeit ist immer alles verfügbar. Amazon. Sky. DAZN. Rewe online. Coffee to go. Snack to go. IKEA. Audible. Spotify. Netflix. Saturn. Media Markt. Zalando. Für alles gibt es einen Markt. Konsum, wohin man sieht. Und mittendrin stand ich. Seit Amazon Prime mutierte ich zum Serien Junkie. Dabei war Zeit genau das was mir fehlte. Bis ich nach einer geplanten OP aus der Narkose erwachte und Ärzte mir mitteilten, einen bösartigen Tumor gefunden zu haben. Meine Welt stand still. Die Welt meiner Frau stand still. Und auch die Welt meiner Eltern, Verwandten und Freunde stand still. Für einen Moment hörte die Welt auf sich zu drehen.
Da lag ich nun und in meinen Kopf kreisten eintausend Gedanken. Hört hier mein Leben nun auf? Soll es das schon gewesen sein? Was wird aus meinen Träumen? Wie geht es weiter? Muss ich sterben? Werde ich jemals wieder unbeschwert das Leben genießen können? Ich verfluchte das Schicksal.
Ich empfand das Leben nicht mehr als Selbstverständlichkeit; ich empfand es als ein seltenes Geschenk, das man auszunutzen verpflichtet ist.
Margarete von Wrangell
Kurz nachdem ich auch die zweite OP gut überstanden hatte, taufte ich meinen Tumor auf den Namen Abigail.
Freundschaft mit Abigail
Nachdem der erste Schock sich gelegt hatte, entdeckte ich plötzlich ganz neue Wesenszüge an mir. Mir wurde klar was es bedeutet: „Du weißt erst, wie stark du bist, wenn stark sein die einzige Option ist, die du hast.“ Ich habe einige Bücher zum Thema Krebs gelesen und einige Blogs von Krebspatienten verfolgt. Dabei fiel mir auf, dass fast immer die Rede von einem Kampf war. Doch kämpfen entsprach nicht meinem Wesen. Damit konnte ich mich nur schwer identifizieren. Ich wollte den Tumor nicht als Feind betrachten, gegen den ich antreten muss. Krebs ist unsichtbar und wie sollte mich gegen etwas wehren was mir verborgen blieb? Ich hatte nicht vor in den Krieg zu ziehen: Ich wollte leben. Und so schloss ich Freundschaft mit Abigail. Ich erlaubte ihr mich auf meinem Weg zu begleiten, mir Türen zu öffnen und neue Wege zu gehen. Abigail veränderte mein Denken, meine Handeln, mein Leben. Plötzlich konnte ich Entscheidungen treffen, wo es mir vorher schon schwer fiel zwischen nach – Himbeere- riechendem und nach Zitrone-duftendem Duschgel zu entscheiden.
Prioritäten setzen oder Veit Lindau hat mir den Weg geebnet
Mit Abigail an meiner Seite erkannte ich was wirklich wichtig im Leben ist. Nachdem ich sechs Monate zu Hause verbrachte und regelmäßig zur Nachsorge ging, war meine erste Handlung meine Arbeitszeit zu reduzieren. Das halbe Jahr in dem ich Krankengeld bezog machte mir bewusst, dass ich durchaus mit weniger zufrieden sein konnte. Meine zweite Priorität galt meine neu gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen.
Dank Veit Lindau fand ich einen Zugang zum Meditieren. Angefangen hat alles mit dem Buch „Seelengevögelt.“
Ich kaufte es mir einzig und allein des Namens wegen. Wer ein Buch so nennt, konnte in meinen Augen nur ein Rebell sein. Und Rebellen übten seit jeher eine gewisse Faszination auf mich aus. Über die geführten „Trance- Reisen“ von Veit tastete ich mich mehr und mehr an die wahre Natur der Mediation heran, was mich schon bald zum Buddhismus führte. Ich begann Bücher vom Dalai Lama und Thich Nhat Hanh zu lesen.
Heute ist es für mich wunderschön, wenn die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen mich in den Tag begleiten. Wenn ich morgens am See sitze und meditiere, dem Wasser und den Vögeln lausche. Oder wenn ich mich auf meine Yogamatte lege und achtsam meinen ganzen Körper erfasse. Doch nicht nur meine Seele ist mir heilig geworden. Und auch wenn mein Körper niemals mein Kapital wird (meinen Körper hat Gisele Bündchen 😊), so hat mir Abigail offenbart, dass weder meine seelische noch meine körperliche Gesundheit eine Selbstverständlichkeit ist.
Der Stille meines Körpers lauschen

Wie oft habe ich vor meiner Freundschaft mit Abigail meinem Körper nicht genügend Beachtung geschenkt. Die Nahrungsaufnahme war für mich stets ein notweniges Übel. Ja, ich liebte Essen, aber ich habe mir kaum Gedanken um mein Essen gemacht. Das Einzige was ich schon jahrelang vor Abigail nicht zu mir nahm, waren tierische Produkte. Rückblickend war Genuss für meinen Körper eher eine Seltenheit. Ich aß, wenn es sich zeitlich einrichten ließ, auch wenn ich keinen Hunger verspürte.
Durch Abigail, aber auch durch mein Interesse für den Buddhismus ist die Nahrungsaufnahme für mich wieder zu einem Genuss geworden. Und das fängt schon bei der Vorbereitung an. Ich kann das Kochen und zubereiten von Mahlzeiten regelrecht zelebrieren.
Doch nicht nur beim Verspeisen frisch zubereiteter Speisen höre ich auf meinen Körper. Dort wo ich früher Warnsignale überhörte, lausche ich heute der Stille.
Wenn ich müde bin ruhe ich mich aus. Wenn ich weinen muss, weine ich. Wenn ich Kopfschmerzen habe, gönne ich mir eine Auszeit. Mein Körper ist keine Maschine. Er hat die fürsorgliche Pflege durch mich ebenso verdient wie meine Seele.
Ich stehe mit beiden Beinen fest in den Wolken.
Herman van Veen
Ich möchte nicht behaupten mein Leben sei perfekt, aber wenn ich mein heutiges Leben mit Abigail mit meinem Leben ohne Abigail vergleiche, dann würde ich mich stets für das Leben seit Abigail entscheiden.
Es gibt Tage, an denen laufe ich über die Wolken und trage das Gefühl in mir, die Sonne scheine nur für mich. Ich habe mich gefunden – bin angekommen in meinem Leben. Meine Träume sind nicht mehr nur Illusionen, die nie in Erfüllung gehen werden- ich habe entschieden meine Träume zu leben. Seit Jahren wollte ich einen eigenen Blog. Ich wollte über all das Schöne auf der Welt schreiben. Dopamin verbreiten. Lächeln zaubern. Doch ich hatte Angst. Angst davor meine Texte finden keine Leser und Angst davor zu versagen und mir mit meinen eigenen Ansprüchen selbst im Weg zu stehen. Ich war gut darin Ausreden zu finden (bin ich im Übrigen heute noch 😊) und Träume nicht anzupacken. Ich schmollte lieber im Selbstmitleid, als mein Leben in die Hand zu nehmen. Es war einfacher alles so zu lassen, wie es war, als etwas zu verändern.
Doch Abigail hat mir, sicherlich auf schmerzvolle Art gezeigt, was es bedeutet zu leben.
Abigail stand einfach an meiner Wohnungstür. Sie wartete nicht, bis ich sie höflich hereinließ. Nein, sie fiel mit der Tür ins Haus und bedrängte mich mit Fragen über mein Leben.
Einige ausgewählte Fragen, die mir halfen, mich selbst zu reflektieren
- Was liebe ich?
- Was ist mir wirklich, wirklich wichtig im Leben? (An dieser Stelle Danke an Veit Lindau)
- Wovon träume ich?
- Was macht mir Spaß?
- Habe ich eine Bucket List? (Damals hatte ich noch keine- heute habe ich sie)
- Wofür bin ich dankbar?
- Wer ist mir wirklich, wirklich wichtig?
- Was bereitet mir wirklich Freude?
- Wer oder was inspiriert mich und warum?
- Habe ich Spaß im Leben? Nein? Warum nicht? Was fehlt mir?
- Wieso habe ich keine Zeit? Wie kann ich mein Zeitproblem lösen?
- Will ich wirklich Vollzeit arbeiten oder bin ich in der Lage mit weniger Einkommen auszukommen, dafür aber glücklich zu sein?
- Wie achtsam gehe ich mit meinem Körper und meiner Seele um?
- Warum gebe ich meinem inneren Schweinhund so viel Macht?
- Wieso verlasse ich meine Komfortzone nicht?
- Wie soll man sich an mich erinnern?
- Was kann ich tun, um mehr Ruhe und Entspannung in mein Leben zu bringen?
- Was sind meine Stärken und wie kann ich sie besser nutzen?
- Welche Menschen inspirieren mich und warum? Was kann ich von ihnen lernen?
- Was sind meine Grundwerte? Welche Tugenden sind mir wichtig?
- Welche Glaubenssätze haben mich bisher daran gehindert durchzustarten und meine Träume zu leben?
Nachdem ich all die Fragen beantwortet hatte, begann ich mein Leben umzukrempeln. Das war nicht immer einfach und ist es heute auch nicht. Immer wieder gibt es Rückschläge, Tage, an denen ich den Kopf in den Sand stecken oder mir die Decke über den Kopf ziehen möchte. Und manche Antworten veränderten sich während meiner Reise ins Leben auch. Und sie werden sich weiter verändern. Denn das Leben ist Veränderung. Ich bin Veränderung.
Und wenn mir die Welt doch mal wieder zu laut, zu viel oder zu bunt wird oder ich zu viele Gedanken und Gefühle in mir trage, dann finde ich meinen Frieden im EIAB in Waldbröl.
„Dein Verstand beschäftigt sich immer mehr damit zu vermeiden, was du nicht willst, anstatt zu erschaffen, was du willst.”
Veit Lindau
*1 Karsten Dusse; Achtsam morden am Ende der Welt; Seite 9; Erstveröffentlichung, by Wilhelm Heyne Verlag, München
Hier findest du meinen Dankstellen- Blues, in dem ich über die Magie der Dankbarkeit schreibe und für was im Leben ich dankbar bin.

[…] Zeit für die kleinen Dinge des Lebens. Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Auch ich war gefangen in meinem Hamsterrad aus Terminen, Pflichten und To-Do- Listen- bis ich entschieden habe auszubreche…. Es war ein bösartiger Tumor, der mein Leben aus dem Gleichgewicht brachte. Alles geriet […]
LikeLike
[…] mich auf meinen Weg zu mehr innerer Ruhe – ein Weg, den ich unter anderem in meinem Artikel „Die Stille sprechen hören“ […]
LikeLike