Skurrile Studien: Wenn Wissenschaft absurd wird

Teil eins: Menschliche Macken und Verhaltensweisen

Gender-Hinweis:  Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

7–11 Minuten

„Die wichtigste wissenschaftliche Erkenntnis: wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer vorläufig und niemals endgültig.“

Georg Wilhelm Exler

Die Wissenschaft ist ein faszinierendes Feld, da sie uns hilft, die Welt um uns herum besser zu verstehen. Doch neben den unzähligen seriösen Forschungen, gibt es auch immer wieder Studien, die aus dem Rahmen fallen. In diesem Beitrag nehme ich euch mit auf eine Reise durch die Welt ungewöhnlicher Forschungen.

Wissenschaft muss nicht immer ernst sein

Die Welt der Wissenschaft ist faszinierend und beeindruckend. Und doch gibt es Studien, die so knochentrocken sind, dass wir beim Lesen fast einschlafen. Andererseits gibt es Arbeiten, die uns zum Nachdenken bringen und das eigene Verhalten hinterfragen lassen. Und dann gibt es noch jene Forschungen, die die Magie besitzen uns ein Lächeln zu zaubern.

Vom kurzen Überleben von Pralinen auf Stationen, über die Auswirkungen von Hitze auf Politiker bis hin zum Napoleon- Komplex (der im Übrigen sehr umstritten ist) bei Schiedsrichtern- die folgenden Studien beweisen, dass Wissenschaft nicht immer ernst sein muss.

„Ich bin von der Wissenschaft tief beeindruckt. Ohne sie gäbe es nicht all diese wunderbaren Dinge, mit denen wir uns heute herumschlagen dürfen.“

Sidney Harris

5 Skurrile Studien: Die verrückte Seite der Wissenschaft

1. Das kurze Überleben von Pralinen auf Stationen

Im Vordergrund stehen 6 Pralinen auf einem Tisch, im Hintergrund kann man Lichter erkennen
Pralinen werden auf Krankenstationen gerne von Angehörigen verschenkt/ Bild von Aleksander Polanowski auf Pixabay

Ihr kennt es: Jemand in eurem Team hat Geburtstag oder Feiertage wie Ostern und Weihnachten stehen vor der Tür. Und plötzlich stapeln sich am Arbeitsplatz die Süßigkeiten. Schokolade, Kekse, Bonbons, selbstgebackene Kuchen- Leckereien wohin das Auge schaut.

Und (fast) jeder greift zu.

„Es ist besser zu genießen und zu bereuen, als zu bereuen, dass man nicht genossen hat.“

Giovanni Boccaccio

Beobachtungsstudie aus 2013

Im Jahr 2013 haben britische Wissenschaftler mit einer Beobachtungsstudie herausgefunden, wie lange der Inhalt von Pralinenschachteln überlebt, die auf Krankenstationen verteilt werden.

Dazu wurden in drei Krankenhäusern in Großbritannien auf vier Krankenstationen Pralinenschachteln diskret platziert. Bei den Pralinen handelte es sich um die beiden am häufigsten von Angehörigen für das Personal verschenkten Sorten.

Insgesamt wurden 258 Pralinen auf jeder Station hinterlassen. Dabei standen sie Schachteln unter ständiger Beobachtung. Wurde eine Praline entnommen, wurde die Zeit von einem versteckten Beobachter notiert.

Durchschnittliche Überlebensdauer betrug 51 Minuten

Im Schnitt dauerte es 12 Minuten, bis eine hingestellte Pralinenschachtel geöffnet wurde. Die Überlebensdauer der Pralinen, die von Stationsmitarbeitern konsumiert wurde betrug durchschnittlich 51 Minuten. Die meisten Pralinen, rund 28 %, wurden vom Pflegepersonal konsumiert. Ärzte standen mit 15 % an dritter Stelle der Pralinennascher.

Interessanterweise konnte zudem festgestellt werden, dass die Pralinen nicht linear verschwanden. Beginnend mit einer hohen (Zugreif-) Rate flachte die Kurve ab.

Neue Studie nötig

Fraglich ist jedoch, wie aussagekräftig die Studie tatsächlich ist. Denn sie wurde Ende August, während des Ramadans durchgeführt. Hieraus ergibt sich, dass nicht alle auf den Stationen arbeitenden Menschen genascht haben.

Auch wäre es sicherlich interessant, wie hoch die Zugreif- Rate im Advent oder an Ostern ist.

Die komplette Studie könnt ihr auf der Seite des British medical journals (bmj) nachlesen.

2. Niemand liest Gebrauchsanweisungen

Abschnitt einer Gebrauchsanweisung einer Schreibmaschine
Life is too short to read the fucking manual / Bild von mikekanuta0 auf Pixabay

Meine Frau behauptet, dass sie außer mir keinen Menschen kennt, der Anleitungen liest. Während die meisten Menschen Gebrauchsanweisungen nur hin und wieder zu Rate ziehen lese ich sie tatsächlich fast wie ein Buch. Allerdings wie einen Ratgeber: Ich beginne auf der ersten Seite, blättere dann weiter und suche nach den Seiten, die mir nützlich erscheinen.

„Life is too short to read the fucking manual”

Ein Forscherteam aus Australien und Großbritannien wollte herausfinden, ob überhaupt jemand Gebrauchsanweisungen liest. Dafür beobachteten und befragten sie unter anderem über sieben Jahre hinweg 170 Testpersonen. Ihre skurrile Studie trug den Namen: „Life is too short to read the fucking manual.”

„Ich lese keine Anleitungen. Ich drücke Knöpfe, bis es klappt.“

Unbekannt
Ergebnis der Studie

Das Vier- köpfige Team fand heraus, dass die Mehrheit der Menschen keine Gebrauchsanweisungen liest. Und sie konnten festhalten, dass die meisten Menschen nicht alle Funktionen der Produkte, die sie besitzen und regelmäßig verwenden nutzen.

Jedoch konnten sie herausfinden, dass Männer Anleitungen eher lesen als Frauen und alle Funktionen nutzen.

Interessanterweise konnte das Team zudem feststellen, dass überzählige Funktionen mit negativen Gefühlen verbunden sind, während Kernfunktionen positive Gefühle erzeugen.

Die komplette Studie könnt ihr bei  Oxford Acadamic nachlesen.

3. Katzenvideos machen glücklich

Eine schwarz weiße Katze, die in einem Karton steht und nach einem Plüschball greift
Nicht nur Katzenvideos machen glücklich, sondern auch Fotos 🙂

Lachen ist bekanntlich die beste Medizin, und was könnte besser zum Lachen anregen als ein süßes Katzenvideo? Viele Menschen suchen nach einfachen Möglichkeiten sich eine Auszeit vom Alltag zu nehmen und eine der besten Möglichkeiten scheinen Katzenvideos zu sein. Täglich werden in den sozialen Medien unzählige Katzenvideos hochgeladen und millionenfach angesehen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 von der Indiana University Media School, unter der Leitung von Assistenzprofessorin Jessica Gall Myrick zeigt, wie sich das Ansehen von Katzenvideos auf unsere Stimmung auswirkt.

1. Stimmungsverbesserung

Die Studie, an der 7000 Probanden teilnahmen ergab, dass das Ansehen von Katzenvideos die Stimmung erheblich verbessern kann. Die Teilnehmer berichteten nach dem Anschauen von Katzenvideos über ein höheres Maß an positiver Emotion und weniger negative Emotionen.

2. Stressabbau

Aus der Studie geht weiterhin hervor, dass das Ansehen von niedlichen Katzenvideos dazu beiträgt Stress abzubauen. Die Teilnehmer fühlten sich nach dem Ansehen der Videos entspannter und zufriedener.

3. Ablenkung

Katzenvideos bieten eine willkommene Ablenkung vom Alltag und den damit verbundenen Stressoren. Diese Ablenkung kann helfen, den Fokus von negativen Gedanken oder Sorgen zu nehmen.

Persönliche Erfahrung

Ich bin ein absoluter Katzenmensch und ich liebe es nicht nur unsere vier Stubentiger zu beobachten, sondern gehöre auch zu jenen Menschen, die sich sehr gerne Katzenvideos ansehen. Und ich kann bestätigen, dass ich mich nach dem Ansehen lustiger Katzenvideos deutlich besser fühle.

Quelle: spektrum.de

4. Bei Hitze fassen Politiker sich kürzer

Zeichnung eines Politikers mit Glatze, der an einem Rednerpult mit drei Mikrofonen steht
Je höher die Temperatur, desto einfach die Sätze/ Bild gefunden auf Pixabay

Es ist allgemein bekannt, dass Politiker Meister der langen Reden sind – schließlich haben sie das Talent, selbst die einfachsten Themen in epische Monologe zu verwandeln. Doch eine Studie, die im Juni 2024 veröffentlicht wurde, hat enthüllt, dass bei Hitze die Reden unserer Politiker plötzlich kürzer werden. Möglicher Grund: Hitze führt zu einer verminderten Produktivität und kognitiven Leistungsfähigkeit.

Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit

Schon lange weiß man um die Auswirkungen von hohen Temperaturen auf die Gesundheit. So können Hitzewellen beispielsweise einen Sonnenstich, Hitzekollaps, Hitzschlag oder Hitzekrämpfe auslösen.  Auch kann Hitze bereits bestehende Erkrankungen verschlimmern und Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System oder der Atmung hervorrufen. Dass Hitze sich aber auch im Denken und Sprechen von Politikern niederschlägt, konnte nun durch eine Studie bestätigt werden.

Einfluss von Temperatur auf die Komplexität der Sprache

Am 21. Juni 2024 veröffentlichte das Wissenschaftsjournal iScience eine internationale Studie, die sich mit dem Einfluss der Temperatur auf die Komplexität von Sprachen beschäftigt. Dafür wurden mehr als sieben Millionen politische Reden von 28.523 Politikern aus mehreren Jahrzehnten und acht europäischen Ländern analysiert. Das Ergebnis: Ab 24 Grad werden die Sätze einfacher, die benutzten Wörter kürzer.

Ältere Politiker stärker betroffen

Und noch etwas fiel, vor allem anhand von Reden im Deutschen Bundestag auf: Ältere Menschen neigen schon ab 21 Grad zu einfacheren Wörtern, Jüngere erst ab 25 Grad, was darauf hindeutet, dass ältere Menschen empfindlicher auf steigende Temperaturen reagieren. Bei über 27 Grad Celsius gab es kaum noch Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Politikern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass selbst die beredsamsten Politiker bei hohen Temperaturen dazu neigen, sich kürzer zu fassen.

Meine Meinung

Wenn Hitze nicht nur unseren Körper, sondern auch die Rhetorik von Politikern beeinflusst, könnte dies ein Anstoß sein, über die Art und Weise nachzudenken, wie wir politische und persönliche Botschaften vermitteln.

Letztendlich zeigt uns die Studie, dass Klarheit und Kürze oft mehr Wirkung erzielen als lange Reden. Vielleicht sollten wir also nicht nur im Sommer auf kurze Statements setzen, sondern auch den Rest des Jahres.

5. Napoleon Komplex beeinflusst Schiris

Schiedsrichter in schwarzer Hose und rotem T-Shirt, der auf eine gelbe Karte schreibt. Der Kopf des Schiedsrichters ist nicht zu sehen
Sind kleine Schiedsrichter strenger? / Bild von Alexander Fox | PlaNet Fox auf Pixabay

In der Welt des Sports sind Schiedsrichter die Akteure, die das Spielgeschehen lenken – und manchmal auch die Gemüter erhitzen. Doch was passiert, wenn diese Unparteiischen von einem psychologischen Phänomen beeinflusst werden, das nach einem der berühmtesten Feldherren der Geschichte benannt ist? Der sogenannte „Napoleon-Komplex“ beschreibt das Verhalten von Menschen, die sich aufgrund ihrer Körpergröße oder anderer wahrgenommener Defizite besonders beweisen wollen.

Eine Studie der Wissenschaftler Dr. Hendrik Sonnabend und Giulio Callegaro von der Fernuniversität in Hagen und Mario Lackner von der Johannes-Kepler-Universität Linz hat nun untersucht, ob und wie dieser Komplex das Urteilsvermögen von Schiedsrichtern beeinflusst.

Analyse von mehr als 2300 Bundesligaspielen

Für die Untersuchung haben die Wissenschaftler die Daten der deutschen Bundesliga der Männer zwischen 2014 und 2021 analysiert und dabei mehr als 2.340 Spiele, die von männlichen Schiedsrichtern gepfiffen wurden, angeschaut.

Die Studie unterstreicht den Einfluss der Körpergröße auf die Entscheidungsfindung bei Expertenbeurteilungen. So fand das Forscherteam heraus, dass Spieler, die größer sind als der Schiedsrichter einem höheren Risiko ausgesetzt sind verwarnt zu werden, während kleinere Spieler von Nachsicht profitieren.

Umstrittener Komplex

Der Napoleon- Komplex, der von dem Psychologen Alfred Adler geprägt wurde, ist in der Psychologie allerdings umstritten. Bereits 2023 zeigte eine Studie zum Napoléon-Komplex, dass etwaige Kompensationsversuche weniger mit der tatsächlichen Körpergröße zu tun haben als mit dem Wunsch größer zu sein.

Benannt ist die Theorie nach dem französischen Kaiser Napoléon Bonaparte. Der Irrglaube vom dem vermeintlich „kleinen Kaiser“ beruht allerdings auf einem Umrechnungsfehler. Tatsächlich war Napoléon mit seinen 169 Zentimetern Körpergröße für seine Zeit eher durchschnittlich bis überdurchschnittlich groß.

Die komplette Studie könnt ihr hier nachlesen.

Fazit

Die Welt der Wissenschaft hält oft überraschende und amüsante Facetten bereit und mir hat jede einzelne Studie ein Lächeln gezaubert. Doch neben dem Lächeln haben mich die Studien auch zum Nachdenken angeregt. Denn die Studien zeigen nicht nur die Vielfalt menschlichen Verhaltens und Denkens, sondern erinnern uns auch daran, dass Neugier und Kreativität in der Forschung keine Grenzen kennen. Die Ungezwungenheit der Wissenschaftler inspiriert vielleicht den einen oder anderen von euch auch im Alltag offener für das Unerwartete zu sein. Wer weiß, welche außergewöhnlichen Erkenntnisse noch auf uns warten? Welche Studien würden euch interessieren? Gibt es etwas, dass ihr immer schon mal wissen wolltet? Oder habt ihr sogar selbst schon einmal etwas erforscht was euch brennend interessiert hat? Ich bin gespannt auf eure Antworten.

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