Ein Mensch mit Mütze auf einer Bank am See. Man sieht den Menschen nur von hinten

Was bleibt, wenn die große Liebe geht: Mein Weg zurück zu mir

Das Ende einer lange Liebe

Bild von Antonios Ntoumas auf Pixabay

Als Vicky und ich uns im vergangenen Herbst nach 18 gemeinsamen Jahren trennten brach für mich eine Welt zusammen. Denn seit Vicky vor über 20 Jahren in mein Leben trat wollte ich nur eines- das wir uns jeden Tag neu füreinander entscheiden. Ich wollte sie mit 70 Jahren noch Huckepack tragen und ihr leise ins Ohr flüstern: „Du bist die EINE.“

Die Wege des Universums

Doch das Universum hat nicht nur Vickys Weg und den meinen an derselben Stelle zusammentreffen lassen, sondern auch dafür gesorgt, dass unsere Wege sich wieder trennen. Vielleicht wollten wir beide zu viel. Vielleicht wollten wir beide den anderen so sehr glücklich machen, dass wir uns am Ende verloren haben. Ganz leise und ohne Drama – jede von uns gefangen in sich selbst.

Ich kann und werde nie für Vicky sprechen. Aber rückblickend habe ich erkennen müssen, wie sehr ich mich in unserer Beziehung verloren habe. Und ich meine dies nicht als Vorwurf gegenüber Vicky- nein, es ist eher ein Vorwurf an mich selbst. Denn ich habe Vicky viel zu lange als selbstverständlich angesehen, obwohl es eines der wertvollsten Geschenke ist, sie lieben zu dürfen.

Das Leben nach der Trennung

Ein dunkler Raum, der nur mit etwas Sonnenlicht bestrahlt wird. Schwach erkennt man einen Schaukelstuhl am Fenster
Bild von Anja auf Pixabay

Das Leben nach der Trennung war anfangs nicht einfach nur schmerzhaft, sondern es fühlte sich zuweilen so an, als würde ich an dem Schmerz ersticken. Es gab Tage und Nächte, in denen ich meinen Schmerz einfach nur in die Welt hinausschreien wollte. Ich hatte keine Idee wie mein Leben ohne Vicky aussehen kann. Sie war über 20 Jahre mein Lieblingsmensch- erst als Freundin, dann als Partnerin. Der Mensch mit dem ich alles geteilt habe. Ein Leben ohne sie konnte und wollte ich mir nicht vorstellen.

Leiser, aber klarer – das Leben danach

So schmerzhaft das Loslassen auch war (und teilweise immer noch ist) – mein Leben ist nach der Trennung leiser geworden.

Doch leiser ist kein Synonym für schlechter. Im Gegenteil: Ich spüre all die positiven Veränderungen, die seitdem da sind.

Und auch wenn ich die schönen Veränderungen wahrnehme – es ändert nichts an der Traurigkeit. An dem Gefühl, erst etwas verloren haben zu müssen, um wirklich bei mir anzukommen. Um klar zu sehen.

Und ja, manchmal bin ich wütend. Wütend auf das Universum. Ich frage mich, warum genau dieser Weg nötig war. Warum es diese Trennung gebraucht hat, damit ich mich selbst finde. Ob es keinen sanfteren Weg gegeben hätte, mich mit mir selbst zu konfrontieren.

Oder ob es genau dieser Schmerz war, durch den ich gehen musste, um mich endlich wirklich zu erkennen.

Mehr Raum für mich selbst

Ein Buch und eine Tasse auf einer Decke vor einem Fenster
Bild von Anrita auf Pixabay

Heute habe ich mehr Raum und mehr Zeit nur für mich. Für meine Bedürfnisse. Für die Dinge, die mich wirklich glücklich, entspannt und zufrieden machen.

Raum und Zeit für die Dinge, die mir immer wichtig waren.

Es wäre gelogen zu schreiben, dass ich die Dinge, die ich (wieder-) gefunden habe nicht schon vorher praktiziert habe, aber ich spüre einen Unterschied. Vieles fühlt sich mittlerweile leichter an.

Ich habe mehr Raum für Spaziergänge in der Natur.

Mehr Raum zum Lesen.

Mehr Raum, um wirklich allein zu sein und die Stille zu genießen.

Mehr Raum mich einfach treiben zu lassen- einfach zu sein.

Ich nehme mir wieder Zeit für Sport, wobei Kung Fu und joggen ganz oben stehen.

Mein Leben ist nicht einfach nur leiser geworden, sondern auch langsamer und entspannter.

Der Kampf mit mir selbst

Einer der Gründe für unsere Trennung lag auch in meinen Ängsten, Zwängen und negativen Glaubenssätzen, die mich viele Jahre begleitet haben, begründet.

Oft habe ich mich selbst am Leben gehindert – und damit auch Vicky.

Ich wollte diese Muster loswerden- hatte aber keine echte Idee davon wie. Ich wollte mich selbst optimieren- habe unzählige Selbsthilfebücher und spirituellen Bücher gelesen. Immer in der Hoffnung die beste Version von mir selbst zu werden. Allerdings tat ich das oft nicht für mich- sondern für Vicky. Ich wusste wie sehr sie unter meinen Ängsten, Zwängen und Glaubenssätzen leidet und das wollte ich nicht. Ich wollte der „perfekte“ Mensch für sie sein und habe mich dabei verloren. Über die Jahre wurden meine Ängste und Zwänge immer mehr und intensiver und ich habe mich ein Stück weit selbst gefangen genommen.

Ich wollte Vicky glücklich machen – und habe nicht verstanden, dass es zuerst darum geht, mich selbst glücklich zu machen.

Denn ich konnte sie nicht mehr glücklich machen. Ich war es ja selbst nicht.

Und doch war ich gut darin, mir Glück einzureden.

Irgendwann stand ich unter Dauerstress und mein Nervensystem war völlig überlastet. Und am Ende wollten Vicky und ich unterschiedliche Dinge.

Wenn Glück zur Abhängigkeit wird

Jahrelang habe ich mein Glück von unserer Beziehung- von ihr- abhängig gemacht. Ich lebte immer mit dem Gedanken: „Ich bin nur glücklich, wenn Vicky bei mir ist.“

Ein neues Lebensgefühl- Zwischen Vermissen und neuer Freiheit

Heute fühlt es sich anders an.

Ich vermisse Vicky immer noch. Aber der Schmerz ist leiser geworden. Er ist nicht mehr jeden Tag Dauerpräsent. Und ich breche nicht mehr jedes Mal in Tränen aus, wenn ich ihren Namen höre oder an sie denke.

Und trotz der Traurigkeit und dem Schmerz fühle ich mich wohl.

Leichter.

Freier.

Entspannter.

Die leisen Momente, die ich heute genieße

Ein Messingschild auf Holz (vermutliche eine Bank) auf dem steht: Lieblingsplatz
Ich habe nicht mehr nur den einen Lieblingsplatz, sondern mehrere

Heute sitze ich oft einfach nur da.

Trinke eine Tasse Tee oder Kaffee und genieße den Augenblick.

Ich beobachte die Vögel und Eichhörnchen in meinem Garten.

Ich blicke aus dem Fenster- ohne Plan.

Ich gehe in den Park- lese und meditiere dort.

Ich setze mich auf die Mauer des Domes und bin einfach nur da.

Ich gehe allein in Cafés und Bars und genieße das Leben.

Und auch, wenn Vicky mir als Mensch fehlt- ich vermisse wenig.

Abschied vom Optimierungszwang

Eine Frau, die mit ausgestreckten Armen auf einer Wiese liegt
Ich bin gut so wie ich bin

Vielleicht liegt der Unterschied zwischen meinem „Beziehungs- Ich“ und dem heutigen „Single- Ich“ darin, dass ich aufgehört habe mich ständig optimieren zu wollen. Das ich aufgehört habe ständig etwas hinzuzufügen zu wollen. Das ich aufgehört habe Dinge in mein Leben integrieren zu wollen, die gar nicht zu mir passen.

Das ich aufgehört habe zu denken: Wenn ich das so oder so machen, dann werde ich eine bessere Version von mir selbst und Vicky glücklich machen.

Der Weg zurück zu mir selbst

Durch Vicky wollte ich endlich „Normal“ sein – ohne je zu wissen, was das überhaupt bedeutet. Früher wurde ich von meinen Freunden „Anja Anners“ genannt und sie haben das d extra durch ein zweites n eingetauscht, um meine Andersartigkeit hervorzuheben. Doch dieses Anderssein habe ich irgendwann irgendwo verloren. Dabei war es genau dieses Anders- sein, in das Vicky sich damals verliebte. Dieser Mensch, der in keine Schublade zu passen schien.

Ankommen im eigenen Leben

Und heute ist er wieder da- der Mensch, der seine Widersprüche annimmt und ihnen Raum gibt.

Der Mensch, der in einem Moment lautstark Heavy Metal hört und im nächsten den leisen und nachdenklichen Texten von Herman van Veen oder Sam Garrett lauscht. Der an einem Tag in Pumphose und T-Shirt unterwegs ist und am nächsten in Jeans, Hoodie und Turnschuhen.

Der Mensch, der Achtsamkeit praktiziert, aber im nächsten Moment denkt: „Och nö, darauf habe ich jetzt keine Lust.“ Der an die Wege des Universums glaubt und kurz darauf ein Buch über wissenschaftliche Fakten aufschlägt, um Antworten zu finden. Der oft als „burschikos“ beschrieben wurde, sich selbst aber nie wirklich als Mann gesehen hat.

Der Mensch, der sich gut allein motivieren kann und doch zuweilen Menschen braucht, die ihm in den Hintern treten. Der sich vegan ernährt und doch auf die Veganer schimpft, die die Kirche nicht im Dorf lassen und versuchen andere zu missionieren. Der Mensch, der sich manchmal unter eine Decke aus Selbstmitleid und Weltschmerz zurückzieht und gleichzeitig am liebsten nur das Gute sehen möchte.

Der Mensch, der leidenschaftlich gerne Sport betreibt, aber genauso gut faul auf dem Sofa rumhängen kann und denkt: „Sport? Kann ich morgen wieder machen. Heute will ich Couch-Potato sein.“ Der Ordnung liebt und dennoch das Chaos in sich trägt. Der sich an einem Tag introvertiert fühlt und am nächsten extrovertiert. Der geduldig sein kann – und im nächsten Moment impulsiv reagiert.

Der Mensch, der nicht an Götter glaubt und doch in Shiva den Gott sieht, mit dem er sich am stärksten identifizieren kann. Der dem Buddhismus sehr zugewandt ist und sich doch nicht immer an die fünf sittliche Gebote hält.

Der Mensch, der einen tiefen Schmerz über den Verlust der großen Liebe in sich trägt und doch all die positiven Veränderungen spürt, die seitdem sein Leben begleiten. Der manchmal nachts aufwacht, in Tränen ausbricht und doch am nächsten Tag wieder am Leben teilnimmt und sagen kann: „Danke, für 18 Jahre Liebe, Leben und Wachstum.“

Ich bin als Mensch nur dann wirklich authentisch, wenn ich meine Widersprüche leben kann.

All diese Widersprüche waren schon immer Teil meines Lebens. Doch in der Beziehung habe ich begonnen, einige von ihnen zu unterdrücken – und genau das hat Spannungen erzeugt. Für mich. Für Vicky. Für uns. Am Ende waren unsere Kräfte erschöpft.

Und vielleicht mussten wir uns trennen. Vielleicht musste ich durch diesen Verlust, durch diesen Schmerz gehen, um endlich wieder bei mir anzukommen. Um mich- mein wirkliches Ich- sein klar sehen zu können. Und um meine Widersprüche nicht länger zu bekämpfen, sondern sie wieder in den Arm zu nehmen.

Die Magie des Unspektakulären

Es gibt heute viele Tage, die unspektakulär sind – und sich trotzdem vollständig anfühlen.

Ein Spaziergang ohne Ziel.

Ein ganzer Tag mit Tee und Buch auf dem Sofa. Die Katzen neben mir.

Meditieren im Park.

Joggen am Morgen.

Gedanken schweifen lassen auf der Terrasse.

Einfach sein. Ohne jemand sein zu müssen.

Was wirklich bleibt

Ein See in der Natur bei blauem Himmel

Früher habe ich diese Momente oft übersehen oder als „zu wenig“ abgetan.

Heute weiß ich:

Genau darin liegt etwas, was ich lange gesucht habe.

Kein lautes, schnelles Glück.

Sondern ein ruhiges, tragendes Gefühl von:

Es ist gut, so wie es ist.

Mein Leben ist nicht kleiner geworden. Nicht schlechter.

Es ist klarer.

Und vielleicht ist leiser kein Verlust, sondern eine Art wieder besser zu hören und zu fühlen, was wirklich wichtig ist.

Ich.

Der Moment.

Das was bleibt, wenn ich nichts mehr hinzufügen muss.

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